{"version":"1.0","provider_name":"Pferdegesundheitsakademie","provider_url":"https:\/\/pferdegesundheitsakademie.de","author_name":"Dr. Kai Kreling","author_url":"https:\/\/pferdegesundheitsakademie.de\/author\/dr-kai-kreling\/","title":"Narkoserisiko \u2013 besonders bei Friesen\u2028","html":"Im Laufe eines Pferdelebens kommt es zum Teil h\u00e4ufiger vor, dass chirurgische Versorgung notwendig wird; Hengste werden kastriert, kompliziertere Wunde vern\u00e4ht, Z\u00e4hne gezogen, Koliker operiert und vieles mehr. Ein chirurgischer Eingriff macht eine vorausgehende An\u00e4sthesie beim Pferd notwendig. Die unterschiedlichen Temperamente und K\u00f6rpermassen der Pferde besitzen einen gro\u00dfen Einfluss auf den Narkoseablauf und die Dosierung der dazugeh\u00f6renden Pharmaka.\r\n<h2>Die Narkoseproblematik des Friesenpferdes ist immer wieder ein hei\u00df diskutiertes Thema.<\/h2>\r\nDieser Artikel soll einige Aufkl\u00e4rung zur Narkose beim Pferd, im Speziellen beim Friesen, geben und die Risikobeurteilung erleichtern.\r\n<h2><strong>Definitionen<\/strong>:<\/h2>\r\nUnter An\u00e4sthesie\/Narkose versteht man die Unempfindlichkeit gegen\u00fcber Schmerz, Temperatur und Ber\u00fchrung.\r\n\r\nHervorgerufen wird eine An\u00e4sthesie durch:\r\n\r\n<strong>Lokalan\u00e4sthetika<\/strong>, die nur eine bestimmtes K\u00f6rpergebiet bet\u00e4uben, aber das Bewusstsein des Patienten erhalten bleibt\r\n\r\noder durch\r\n\r\n<strong>Narkotika <\/strong>\r\n\r\nF\u00fcr den Begriff Narkose gibt es auch andere Synonyme wie Vollnarkose, Allgemeinnarkose und An\u00e4sthesie. Die Narkose bezieht sich auf den gesamten Organismus und stellt einen reversiblen Zustand dar. Sie beinhaltet die Hypnose, die sich in erl\u00f6schtem Bewusstsein und erloschener Abwehrf\u00e4higkeit \u00e4u\u00dfert.\r\n\r\nDie <strong>Merkmale<\/strong> einer Narkose sind Bewusstlosigkeit, Muskelerschlaffung und Herabsetzung der Reflexe. Zus\u00e4tzlich zu einer Narkose muss ein Analgetikum gegeben werden, ein Medikament, das die Schmerzempfindung herabsetzt; ohne ein Analgetikum ist die Narkose nicht schmerzlos; die Patienten schlafen zwar und k\u00f6nnen nicht weglaufen, aber das vegetative Nervensystem reagiert auf Schmerzen durch Blutdruckerh\u00f6hung und Herzfrequenzsteigerung.\r\n\r\nDie Allgemeinnarkose besteht aus <strong>verschiedenen Narkosestadien<\/strong>, die eigentlich nur bei der klassischen \u00c4thernarkose deutlich erkennbar sind.\r\n<h2><strong>Stadien der An\u00e4sthesie: <\/strong><\/h2>\r\n<ol>\r\n \t<li>Analgesie Tr\u00fcbung Schmerzempfinden und Bewusstsein<\/li>\r\n \t<li>Exzitation Erregung, Erbrechen, Zappeln<\/li>\r\n \t<li>Toleranz erw\u00fcnschtes Operationsstadium, Hemmung der Zentren im Gro\u00dfhirn und R\u00fcckenmark, Reflexminderung<\/li>\r\n \t<li>Asphyxie L\u00e4hmung der vitalen Zentren, Atemstillstand, Kreislaufversagen<\/li>\r\n<\/ol>\r\nBei den heutigen Narkotika wird versucht, das Stadium 3=Toleranzstadium rasch zu erreichen, um die unangenehmen Vorstadien f\u00fcr das Tier so kurz wie m\u00f6glich zu halten.\r\n\r\nHeute kombiniert man Medikamente, um bei flacher Narkosetiefe das Toleranzstadium zu erreichen; diese Kombination der Medikamente senkt das Risiko f\u00fcr den Patienten erheblich und spart Narkotika ein; au\u00dferdem ist die Aufwachphase wesentlich k\u00fcrzer und f\u00fcr das Pferd angenehmer.\r\n<h2><strong>Welche Arten von Vollnarkosen stehen heute zur Verf\u00fcgung?<\/strong><\/h2>\r\nMan benutzt Kombinationsnarkosepr\u00e4parate, da es eigentlich kein Medikament gibt, das alleine alle Anforderungen einer Narkose (Hypnose, Analgesie, Muskelrelaxans, angenehmes Aufwachen) erf\u00fcllt. Prinzipiell unterscheidet man zwischen Injektions- und Inhalationsnarkose:\r\n\r\n<strong>Injektionsnarkose: \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong>Gabe des Medikamentes direkt in die Blutbahn. Die Narkose tritt entsprechend der Art des Medikamentes relativ schnell ein, erreicht Narkosetiefe und flacht wieder ab. Der Wirkungseintritt erfolgt nach 1\u20442 - 1 Minute. Der Nachteil ist, dass diese Narkoseform nur schlecht steuerbar ist.\r\n\r\n<strong>Inhalationsnarkose: \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong>Ein gasf\u00f6rmiges Narkosemittel wird zusammen mit Atemluft (Sauerstoff und Stickstoff) in den Organismus mittels eines Tubus (Schlauch in der Luftr\u00f6hre) gebracht und gelangt nach dem Einatmen \u00fcber den Blutweg zum zentralen Nervensystem. Der Wirkungseintritt h\u00e4ngt von der Atemtiefe ab. Diese Narkoseform ist sehr gut steuerbar und wirkt sich auch am schonendsten auf den Patienten aus. Nat\u00fcrlich ist ein gr\u00f6\u00dferer apparativer Aufwand=Narkoseger\u00e4t notwendig.\r\n\r\nDa das Pferd ein Fluchttier und Lauftier ist, wirkt sich ein schnelles und sicheres Ablegen und auch Wiederaufstehen positiv auf den gesamten Narkoseverlauf aus. Unterschiedliche Temperament und die unterschiedliche K\u00f6rpermasse einen gro\u00dfen Einfluss auf die Dosierung der Pharmaka und die An\u00e4sthesie-technik.\r\n\r\nDie Pferde sollten f\u00fcr eine Operation sorgf\u00e4ltig vorbereitet werden; dazu geh\u00f6ren rechtzeitiger Futterentzug, Entfernen aller Hufeisen, eine vollst\u00e4ndige Allgemeinuntersuchung vor allem des Kreislaufapparates. W\u00e4hrend der Dauer einer Narkose ist die korrekte Lagerung und angemessene Polsterung von Kopf, Schulter und H\u00fcfte sehr wichtig. Herz- und Kreislauf, als auch die Atemt\u00e4tigkeit wird hierdurch entlastet. Au\u00dferdem werden die Druckverh\u00e4ltnisse im Muskelbereich besser verteilt.\r\n<h2><strong>Bei der Narkose von Friesenpferden k\u00f6nnen einige Fakten zu Problemen f\u00fchren: <\/strong><\/h2>\r\n<ol>\r\n \t<li>Die Masse des Tieres ist wesentlich, die Friesen z\u00e4hlen zu den schwereren Pferderassen.<\/li>\r\n \t<li>Ihre Gelassenheit in Bezug auf die Aufwachphase, die Pferde liegen relativ lange.<\/li>\r\n \t<li>Ihr verlangsamter Stoffwechsel im Vergleich zu anderen Warmbl\u00fctern und Vollbl\u00fctern; Medikamente werden langsamer verstoffwechselt und aus dem Organismus ausgeschieden.<\/li>\r\n \t<li>Langes Liegen in R\u00fccken- oder Seitenlage beeintr\u00e4chtigt Atmung und Kreislauf, durch das K\u00f6rpergewicht der Friesenpferde besteht eine noch gr\u00f6\u00dfere Beeintr\u00e4chtigung<\/li>\r\n \t<li>Narkosevertr\u00e4glichkeit ist auch abh\u00e4ngig von Alter, Trainingszustand und Grund zur Operation.<\/li>\r\n<\/ol>\r\nManche Pferde erlangen nach einer Operation zwar das Bewusstsein wieder, haben aber Schwierigkeiten aufzustehen. Bei diesen Patienten besteht die Gefahr einer Myositis=Muskelentz\u00fcndung.\r\n\r\nDie klinischen Anzeichen reichen von geringer Lahmheit \u00fcber Muskelzittern, R\u00fcckenverkr\u00fcmmung bis zum Unverm\u00f6gen aufzustehen. Schwerere Pferderassen neigen nach Operationen zu akuter Muskeldegeneration, bedingt durch das Niederlegen w\u00e4hrend der Narkose. Dabei werden vor allem die R\u00fccken- und Kruppenmuskulatur befallen.\r\n\r\nZus\u00e4tzlich kann es auch zu einer Entz\u00fcndung der langen R\u00fcckenmuskeln kommen, die sich durch eine derbe und schmerzhafte Schwellung des R\u00fcckens vom Widerrist bis zum Becken und insgesamt in einer steifen K\u00f6rperhaltung \u00e4u\u00dfert.\r\n\r\nZusammenfassend ist zu sagen, dass bei Friesenpferden aufgrund ihres Temperamentes und ihrer K\u00f6rpermasse die Narkosedurchf\u00fchrung besonderer Sorgfalt verlangt. Ein Narkoserisiko besteht bei jedem Pferd grunds\u00e4tzlich. Die genaue Untersuchung vor der Narkose, sowie die fachgerechte Durchf\u00fchrung w\u00e4hrend der Narkose sind heute ein allgemeiner Standard. Auch sind die zur Verf\u00fcgung stehenden Pr\u00e4parate erheblich sicherer als noch vor einigen Jahren. Vor- und Nachteile ergeben sich aus jeder Narkoseform und es bleibt dem entsprechenden Tierarzt in seiner Beurteilung \u00fcberlassen, welche Narkose in welcher Situation er ausw\u00e4hlt.\r\n\r\nNach unserer Erfahrung ist das Narkoserisiko des Friesenpferdes unter Ber\u00fccksichtigung der oben beschriebenen Umst\u00e4nde nicht wesentlich gegen\u00fcber der Narkose des Warmbl\u00fcters erh\u00f6ht.","type":"rich"}