{"version":"1.0","provider_name":"Pferdegesundheitsakademie","provider_url":"https:\/\/pferdegesundheitsakademie.de","author_name":"Dr. Kai Kreling","author_url":"https:\/\/pferdegesundheitsakademie.de\/author\/dr-kai-kreling\/","title":"Nasenbremse \u2013 eine Folter f\u00fcr das Pferd?","html":"<h2>Die <strong>Nasenbremse<\/strong> oder besser <strong>Oberlippenbremse<\/strong> wird bei bestimmten Situationen zur <strong>Ruhigstellung des Pferdes<\/strong> eingesetzt.<\/h2>\r\nSie besteht im Allgemeinen aus einem ca. 20-30 cm langem Holzgriff mit einer am Ende befestigten Hanfschlaufe. Diese Schlaufe wird um die Oberlippe des Pferdes gelegt und dann mit mehreren Umdrehungen des Holzgriffes unterschiedlich fest angezogen. Statt der Hanfschlaufe gibt es auch Ketten- und Strickschlaufen.\r\n\r\nMittlerweile sind <strong>verschiedene Variationen<\/strong> von Nasenbremsen und Nasenklammern aus Holz und Metall im Gebrauch. Die Nasenbremse galt und gilt bei vielen auch heute noch als ein unliebsames Zwangsmittel zur Ruhigstellung von Pferden f\u00fcr kurze Verrichtungen zum Beispiel beim Tierarzt, Hufschmied oder beim Scheren des Pferdes. F\u00fcr viele Pferdebesitzer ist es ein unsch\u00f6ner Anblick und mit starkem Schmerz f\u00fcr das Pferd verbunden.\r\n\r\nAuch in der \u00e4lteren Literatur wird der Einsatz der Nasenbremse mit Schmerzen in Verbindung gebracht.\r\n\r\nIm <strong>Hippologischen Lexikon von Graf von Norman Sen<\/strong>. 1939 wird die Bremse als ein \u201erecht unhumanes Marterinstrument\u201c bezeichnet und wie folgt beschrieben: \u201eein um die Oberlippe mittels eines Knebels gedrehter Strick, der durch die Schmerzwirkung das Pferd zum Stillstehen, besonders beim Beschlag, zwingt\u201c.\r\n\r\nIm <strong>gro\u00dfen Reiter- und Pferdelexikon von Jasper Nissen von 1976<\/strong> wird die Bremse als ein Zwangsmittel beschrieben, wodurch dem Pferd Schmerz zugef\u00fcgt wird, der seine Aufmerksamkeit ablenkt.\r\n\r\nIm <strong>W\u00f6rterbuch der Veterin\u00e4rmedizin von 1983<\/strong> wird auf eine eventuelle Schmerzkomponente beim Einsatz der Bremse nicht eingegangen.\r\n\r\n<strong>Nach neueren Erkenntnissen<\/strong> kommt es beim Einsatz der Nasenbremse durch Reizung bestimmter Strukturen zur Aussch\u00fcttung von sogenannten Endorphinen. Endorphine geh\u00f6ren zur Gruppe der Opioide. Sie sind starke Analgetika. Unter Analgetika werden Stoffe verstanden, die die Schmerzempfindung unterdr\u00fccken. Durch Reizung bestimmter Gehirnabschnitte werden diese Endorphine verst\u00e4rkt in die Blutbahn abgegeben und bewirken eine kurzfristige Analgesie (Schmerzlosigkeit). Sie sind praktisch ein vom K\u00f6rper selbst hergestelltes Morphium. Von Opioiden glaubt man, dass sie die Schmerztoleranz bei Pferden heraufsetzen. Auch bei der Akupunktur werden Endorphine freigesetzt. Es ist anzunehmen, dass durch die Nasenbremse auch ein solcher <strong>Akupunkturpunkt<\/strong> gereizt wird.\r\n\r\nDie Reizung von Akupunkturpunkten wird auch am <strong>Ohr<\/strong> und bei der <strong>Halsfalte<\/strong> diskutiert. Das Drehen des Ohres ist erfahrungsgem\u00e4\u00df nicht zu empfehlen, da die Schmerzausschaltung hier meist nur unbefriedigend funktioniert. Daraus resultiert, dass viele Pferde nach solch einer Ma\u00dfnahme Kopfscheu werden, was sicherlich nicht Sinn der Sache sein kann. <strong>Das Fassen einer Halsfalte funktioniert oft sehr gut<\/strong>, ist in der Wirksamkeit sicherlich der Nasenbremse nachgeordnet.\r\n\r\n<strong>Die Nasenbremse ist nach wie vor ein recht einfaches, aber sehr effektives Zwangsmittel um Pferde f\u00fcr kurze Eingriffe in verschiedenen Bereichen ruhigzustellen.<\/strong> Sie sollte nicht l\u00e4nger als 15-20 Minuten eingesetzt werden. Gerade bei den immer h\u00e4ufiger eingesetzten Metallklemmen besteht die Gefahr einer zu starken Quetschung und damit Sch\u00e4digung des Gewebes. Es sollte immer darauf geachtet werden, dass die Bremse nicht zu hoch sitzt und damit zu einem teilweisen oder vollkommenen Verschluss der N\u00fcstern f\u00fchrt. Die Bremse sollte nur in notwendigen F\u00e4llen und auch nur dosiert zum Einsatz kommen.\r\n\r\n<strong>Als notwendig ist sie dann anzusehen, wenn durch ihren Einsatz das Verletzungsrisiko<\/strong> f\u00fcr den Untersucher bzw. die Behandlung des Pferdes durchf\u00fchrende Person, die das Pferd festhaltende Person und nicht zuletzt f\u00fcr das Pferd <strong>minimiert werden kann<\/strong>.\r\n\r\nViele Pferdebesitzer scheuen den Einsatz der Bremse als ein f\u00fcr das Pferd unzumutbare Ma\u00dfnahme. Sie vergessen dabei jedoch, dass auch das Pferd indirekt vor Verletzungen durch zu starke Abwehrbewegungen gesch\u00fctzt wird. In wenigen F\u00e4llen kann es bei zu starkem Anziehen der Bremse zu Abwehrbewegungen kommen. F\u00fcr \u201ealte Pferdehasen\u201c ist dies jedoch leicht zu erkennen und nach Lockerung der Bremse beruhigen sich die Pferde in der Regel auch wieder. Es gibt sicherlich auch Pferde, bei denen der Einsatz der Bremse nicht zu einer gew\u00fcnschten Ruhigstellung f\u00fchrt.\r\n\r\n<strong>Der Einsatz einer Bremse sollte also nicht pauschal bef\u00fcrwortet werden. In manchen F\u00e4llen ist der Einsatz von Beruhigungsmitteln vorzuziehen<\/strong>, bevor das Pferd sich unn\u00f6tig aufregt und die Behandlung letztendlich nicht durchgef\u00fchrt werden kann.\r\n\r\nAus eigener Erfahrung empfehle ich eine Nasenbremse mit einer dicken Hanfschlaufe und einem ca. 80 cm langem Griff. Der lange Griff erm\u00f6glicht der festhaltenden Person sich weit seitlich an das Pferd zu stellen. Selbst wenn das Pferd nach vorne schl\u00e4gt oder springt, ist die Gefahr f\u00fcr den Festhaltenden sehr gering. Bei Bremsen mit kurzem Griff ist diese Verletzungsgefahr meiner Meinung nach zu hoch.\r\n\r\nZusammenfassend ist zu sagen, dass <strong>die Nasenbremse in der Hand des Fachmannes ein vertretbares Zwangsmittel f\u00fcr Pferde<\/strong> ist und viele <strong>Kurzeingriffe<\/strong> hierdurch sicherer und leichter durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Der Eindruck, den manche bekommen, das Pferd w\u00fcrde mit der Bremse gefoltert, ist sicherlich nicht richtig. Es soll keine Rechtfertigung f\u00fcr den routinem\u00e4\u00dfigen kritiklosen Einsatz von Nasenbremse sein. <strong>Die Bremse als Hilfsmittel in der Hand eines erfahrenen Pferdekenners ist eine f\u00fcr alle Beteiligten, das Pferd eingeschlossen, sinnvolle und einfache Methode zur Verringerung des Verletzungsrisikos. <\/strong>","type":"rich"}