{"version":"1.0","provider_name":"Pferdegesundheitsakademie","provider_url":"https:\/\/pferdegesundheitsakademie.de","author_name":"Dr. Kai Kreling","author_url":"https:\/\/pferdegesundheitsakademie.de\/author\/dr-kai-kreling\/","title":"Schiefes Pferd","html":"<h2><strong>Die Schiefe des Pferdes aus der Sicht des Tierarztes<\/strong><\/h2>\r\nDie Schiefe des Pferdes ist f\u00fcr uns aus vielerlei Sicht ein Problem. Nicht nur deswegen, weil wir geometrische - symmetrische Formen bevorzugen, sondern auch weil ein schiefes Pferd sich ungleich belastet und dadurch die Belastbarkeit nur begrenzt ist.\r\n\r\nWir unterscheiden die <strong>Schiefe am stehenden Pferd = Statik<\/strong> gegen\u00fcber der <strong>Schiefe<\/strong> <strong>in der Bewegung = Biomechanik<\/strong>. Wie beim Menschen kommt das Pferd mit einer bevorzugten Seite auf die Welt. Es entspricht der \u201eH\u00e4ndigkeit\u201c beim Menschen. Das f\u00fchrt dazu, dass die eine Seite eher st\u00fctzend funktioniert, die andere eher bewegend. Anatomisch erkennen wir diese Inbalance in unterschiedlich gro\u00dfen Hufen, zum Teil unterschiedlichen Beinl\u00e4ngen usw.\r\n\r\nDas Reitpferd wird durch das Gewicht des Reiters und dessen Einwirkungen belastet. Asymmetrisch ausgebildete K\u00f6rperstrukturen werden nicht gleich belastet und es kommt zu einer kompensatorischen K\u00f6rperentwicklung. Wird diese Kompensationssituation belastet, f\u00fchrt dies gegebenenfalls zu einer \u00dcberlastung und damit zum Trauma.\r\n\r\nZu den anatomischen Problemen des Pferdes addiert sich die \u201eH\u00e4ndigkeit\u201c der Reiter. In einigen F\u00e4llen kann dies erg\u00e4nzend, in vielen F\u00e4llen aber addierend auf die anatomischen Bedingungen des Pferdes wirken. Einseitiges Sitzen des Reiters, schlecht sitzender Sattel und einseitig einwirkender Reiter, sowie nicht entsprechend ausbalancierter Beschlag, verst\u00e4rken das Pferdeproblem.\r\n\r\n<strong>Schiefe<\/strong> wird nicht grunds\u00e4tzlich in einer <strong>rechts \/ links \u201eUnwucht\u201c<\/strong> verstanden. <strong>Auch das Ungleichgewicht zwischen Vorhand und Hinterhand<\/strong> (das \u00fcberbaute Pferd) f\u00fchren zu kompensatorischer Belastung. Vor allem bei einem sogenannten \u201e<strong>Bergabpferd<\/strong>\u201c erh\u00f6ht sich die Problematik durch das Reitergewicht. Die Pferde laufen kopflastig \u2013 bergab.\r\n<h2><strong>Wie erkenne ich das \u201eSchiefe Pferd\u201c? <\/strong><\/h2>\r\n<strong>Erkennen kann man die Schiefe zuerst am stehenden Pferd. <\/strong>\r\n\r\nBesonders der Vergleich Vor \u2013 zu Hinterhand f\u00e4llt am stehenden Pferd relativ leicht.\r\n\r\n<strong>Die Entwicklung der Hufe ist ein Spiegel der Statik, aber auch der Biomechanik.<\/strong>\r\n\r\nDer kleine, steile Huf im Verh\u00e4ltnis zum weiten und oft flacheren Huf zeigt die Kompensation des Organismus sehr pr\u00e4zise.\r\n\r\n<strong>Oft f\u00e4llt bedingt durch die kompensatorische Schiefhaltung des Halses die M\u00e4hne auf die Seite, auf der das Pferd den steileren Huf entwickelt hat<\/strong>.\r\n\r\nDie ungleiche Entwicklung der <strong>Hals- und Schultermuskulatur<\/strong> ist ein weiteres Merkmal f\u00fcr die Auspr\u00e4gung der Schiefe eines Pferdes. Die <strong>R\u00fcckenmuskulatur<\/strong>, bei gro\u00dfen Pferden eine schwierig einzusehende Region, gibt uns weitere Hinweise. Leichter f\u00e4llt die Beurteilung der <strong>Kruppe<\/strong> und deren Bemuskelung. Schiefe ist hier oft am deutlichsten in Form ungleicher Muskelpartien zu erkennen. H\u00e4lt das Pferd im Stand den <strong>Schweif schief<\/strong>, unterstreicht dies die Asymmetrie des Pferdes.\r\n\r\nSchwieriger in der Bewertung ist die Beurteilung der <strong>Kaumuskulatur<\/strong>. Viele Pferde reflektieren ihre Schiefe, indem sie <strong>einseitig Kauen<\/strong>. Das zeigt sich in einer asymmetrisch ausgepr\u00e4gten Kaumuskulatur. Oft sind diese Pferde <strong>druckdolent bei der Provokation der Kiefergelenke<\/strong>.\r\n\r\n<strong>In der Bewegung werden die Befunde h\u00e4ufig deutlicher. <\/strong>\r\n\r\n<strong>Auf der geraden Linie<\/strong> ist die Beurteilung der <strong>Fu\u00dfungsspur<\/strong> erstes und wichtigstes Kriterium. Viele Pferde sind nach rechts schief, das hei\u00dft, dass der rechte Hinterhuf neben den rechten Vorderhuf und der linke Hinterhuf zwischen die beiden Vorderhufe fu\u00dft.\r\n\r\n<strong>Die Bewegung der Hals-R\u00fcckenachse<\/strong> sowie die <strong>Schweifhaltung<\/strong> sind wichtige weitere Informationen.\r\n\r\nDas Longieren oder F\u00fchren des Pferdes auf der <strong>gebogenen Linie<\/strong> ist ein weiterer Untersuchungsgang. Das <strong>Fussen in der Wendung<\/strong> zeigt oft ein Abweichen der Hinterhand weg vom Schwerpunkt auf der einen Hand und ein fast \u00fcbertriebenes Unterst\u00fctzen unter den Schwerpunkt des Pferdes auf der anderen Hand.\r\n\r\n<strong>Probleme in der Biomechanik werden unter dem Einfluss des Reiters extrem deutlich. <\/strong>Verwerfen im Genick, Taktfehler, eingeschr\u00e4nkte Mobilit\u00e4t der Schulterpartie, das Wehren gegen eine Hand bzw. \u201eHohlmachen\u201c auf der anderen, einseitig besseres Galoppieren und die Durchl\u00e4ssigkeit in Seiteng\u00e4ngen sind jetzt Kriterien zur Beurteilung der Schiefe \u2013 Rittigkeitsstand. Erreichen der Ziele der Ausbildungsskala sind hier nicht nur reiterliche, sondern auch medizinische Vorgaben.\r\n<h2><strong>Warum ist die Schiefe medizinisch ein Problem? <\/strong><\/h2>\r\nDas Ziel der Ausbildung des Pferdes ist das Erreichen der optimalen Funktion. Definiert wird diese wie folgt:\r\n\r\n<strong>Eine optimale Funktion ist eine normale Beweglichkeit, welche mit einem physiologischen Verlauf und mit minimalem Energieaufwand ausgef\u00fchrt wird. <\/strong>\r\n\r\nHierzu gibt es verschiedene Einflussfaktoren wie das Alter des Pferdes, Geschlecht, allgemeine Konstitution, Beweglichkeit der Gelenke, spezifische Erkrankungen und die Kondition. Angestrebt, eine Art Soll-Situation, ist der physiologische Verlauf der Beweglichkeit. Dazu geh\u00f6rt die Beurteilung der individuellen Gliedma\u00dfenstellung folgende Dreh- und Winkelbewegung der Gelenke und der stabilisierenden Weichteile. Nur so ist Bewegung mit minimalem Energieaufwand m\u00f6glich.\r\n\r\n<strong>Wenn Statikver\u00e4nderungen auftreten, kann dies nicht mehr in optimaler Weise funktionieren. <\/strong>\r\n\r\nDer K\u00f6rper ben\u00f6tigt jetzt mehr als den minimalen Energieaufwand, um nur das Gleichgewicht herzustellen und um Bewegung zu generieren. Die Folge ist bei einer mehr oder weniger deutlichen sportlichen Belastung eine <strong>\u00dcberlastung des Sportpferdes<\/strong> mit den daraus folgenden <strong>Traumata \u2013 Schmerzhaftigkeit<\/strong>.\r\n\r\n<strong>Grunds\u00e4tzlich muss der K\u00f6rper in der Bewegung den sich st\u00e4ndig \u00e4ndernden Schwerpunkt ausgleichen. <\/strong>Jede Bewegung ben\u00f6tigt dazu eine Gegenbewegung. Man nennt diese Mechanik den <strong>Shift<\/strong>. Ein gutes Beispiel ist das freilaufende, galoppierende Pferd auf einer gebogenen Linie. Es dreht seinen Kopf immer nach au\u00dfen, um ein Gegengewicht zum sich medial verlagernden Schwerpunkt zu schaffen. Das Verlagern des Gewichtes zur kontralateralen Seite beim Heben eines Beines ist eine Bewegung das Gleichgewicht zu halten und mit minimalem Energieaufwand zu stabilisieren. Umso leichter die Shiftbewegung ist, umso besser ist die Voraussetzung f\u00fcr die Mobilisation mit minimalem Energieaufwand einer spezifischen Bewegung.\r\n\r\nZum minimalen Energieaufwand werden in der Natur einige physikalischen Gesetze befolgt. Alle Prozesse \u2013 alle Stoffwechselprozesse in der Natur finden immer mit minimalem Energieaufwand statt. Dies gilt auch f\u00fcr unsere Pferde und deren Motorik. <strong>Das optimal trainierte Pferd bewegt sich nach Energiesparmodell<\/strong>. Dazu muss es m\u00f6glichst im Gleichgewicht sein und jede Bewegung muss mit einem schnell und effizient funktionierendem Shift (einer Gegenbewegung) ablaufen.\r\n\r\nDas beste Beispiel ist die menschliche Wirbels\u00e4ule. Je aufrechter und je genauer sie im Gleichgewicht \u00fcber die St\u00fctzfl\u00e4che f\u00e4llt, desto weniger Energie wird ben\u00f6tigt zu stabilisieren. Man kann dies mit einem Mast eines Segelschiffes vergleichen. Der aufrecht stehende Mast ben\u00f6tigt keine Seile f\u00fcr die Stabilisation. Erst wenn das Gleichgewicht gest\u00f6rt wird \u2013 das Schiff auf See sich hin und her neigt, m\u00fcssen Seile, im \u00fcbertragenen Sinne Muskeln, Sehnen und Bandstrukturen, den Mast festhalten. Je besser die Position des Mastes ist bzw. je schneller die Shift-Funktionen ablaufen, desto geringer ist der Energieaufwand. Umgekehrt ben\u00f6tigt der K\u00f6rper nur wenig Energie, wenn ein nat\u00fcrliches Gleichgewicht vorhanden ist.\r\n\r\n<strong>Gleichgewicht besteht da, wo eine optimale Symmetrie vorhanden ist. Das geradegerichtete Pferd kann also mit einem geringeren Aufwand diese Statik erhalten als das schiefe Pferd. <\/strong>\r\n\r\n<strong>Geringer Energieaufwand = h\u00f6here Leistungsreserve und geringerer Verschlei\u00df<\/strong>\r\n<h2><strong>Wie sieht die Praxis aus? <\/strong><\/h2>\r\nSehr viele Pferde werden nicht nach klassischer Ausbildungsskala ausgebildet.\r\n\r\n<strong>Schneller Erfolg und vor allem mangelhaftes Know-how \u00fcber die Ziele der Ausbildung f\u00fchren zu einer Vielzahl von Belastungsproblemen.<\/strong> Lahmheiten und R\u00fcckenprobleme sind die t\u00e4gliche Fragestellung bei der Behandlung von Pferden.\r\n\r\nKompensiert werden die aktuellen Probleme mit einem neuen Sattel, extremer Longenarbeit und oft sehr fraglicher reiterlicher Konsequenz.\r\n\r\n<strong>Hufbearbeitung und das Geraderichten werden nur stiefm\u00fctterlich in die Korrektur dieser Pferde eingebaut. <\/strong>So wird die tier\u00e4rztliche Arbeit oft darauf reduziert, im Sinne einer Blaulichtpraxis zu reparieren als besser im Vorfeld die Voraussetzungen f\u00fcr die im Reitsport genutzten Pferde zu optimieren.\r\n\r\nSelbstverst\u00e4ndlich sind auch bei den korrekt ausgebildeten Pferden Traumata der Gliedma\u00dfen m\u00f6glich. In der t\u00e4glichen Arbeit gilt daher, die Balance als einen Puzzlestein in die Beurteilung des lahmen Pferde einzubauen. Sicher ist, dass vor allem bei R\u00fccken- \/ Rittigkeitsproblemen die Balance des Pferdes eine erhebliche Rolle spielt. Die moderne Sportpferdemedizin hat sich daher in den letzten Jahren auch dahin entwickelt, dass besonders in professionellen Betrieben <strong>1-2 mal j\u00e4hrlich eine medizinische Beurteilung der Pferde, vor allem auch unter dem Sattel<\/strong>, stattfindet.\r\n\r\nAnatomische Statik, Biomechanik des Pferdes an der Hand \u2013 eventuell an der Longe und unter dem Reiter sind dabei wichtige Bewertungsgrundlagen.\r\n\r\nDer Hufbeschlag, die Beurteilung des passenden Sattels und auch die internistische \u00dcberpr\u00fcfung sind weitere Kriterien.\r\n\r\nDie professionellen Reiter haben gelernt, dass diese <strong>Gesundheitsprophylaxe<\/strong> nicht nur unter dem Aspekt der gesundheitlichen Stabilit\u00e4t und der <strong>Leistungsoptimierung<\/strong> funktioniert, sondern dass in Zeiten steigender Kosten auch die <strong>Wirtschaftlichkeit<\/strong> der vom Pferdesport lebenden Betriebe mit solchen Ma\u00dfnahmen deutlich <strong>effizienter<\/strong> gemacht werden k\u00f6nnen.\r\n\r\nProphylaxe hilft, gesundheitliche Probleme zu verhindern und die Leistungsf\u00e4higkeit zu erh\u00f6hen. Vergleiche mit anderen Sportarten im Humanbereich zeigen uns das schon seit vielen Jahren. Wir im Pferdesport sollten von der Humanmedizin lernen!","type":"rich","thumbnail_url":"https:\/\/pferdegesundheitsakademie.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Pferd-und-Linie-150x150.jpg","thumbnail_width":150,"thumbnail_height":150}