{"version":"1.0","provider_name":"Pferdegesundheitsakademie","provider_url":"https:\/\/pferdegesundheitsakademie.de","author_name":"Dr. Kai Kreling","author_url":"https:\/\/pferdegesundheitsakademie.de\/author\/dr-kai-kreling\/","title":"Wobblersyndrom","html":"[vc_row][vc_column][vc_column_text]\r\n<h2><strong>Ein Krankheitsbild mit vielen Ursachen<\/strong><\/h2>\r\nDer Begriff <strong>Wobbler-Syndrom<\/strong> oder <strong>spinale Ataxie<\/strong> taucht immer wieder im Zusammenhang mit Berichten \u00fcber oftmals tragische Krankheitsf\u00e4lle beim Pferd auf. Im Folgenden wollen wir daher das Krankheitsbild aus Sicht der Tiermedizin beleuchten und dem Pferdehalter und -z\u00fcchter n\u00e4herbringen.\r\n<h2><strong>Die Definition des Krankheitsbildes <\/strong><\/h2>\r\nTiere, die Anzeichen einer Ataxie, einer R\u00fcckenschw\u00e4che oder einen spastisch gest\u00f6rten Bewegungsablauf zeigen, werden in der Veterin\u00e4rmedizin als \u201eWobbler\u201c bezeichnet. Der medizinische Terminus \u201eAtaxie\u201c leitet sich von dem griechischen Begriff \u201eataxia - die Unordnung\u201c ab und bezeichnet im Allgemeinen \u201cdas Auftreten unzweckm\u00e4\u00dfiger Bewegungen und Koordinationsst\u00f6rungen ohne Beeintr\u00e4chtigung der eigentlichen Muskelfunktionen\u201d.\r\n\r\nEinfacher ausgedr\u00fcckt versteht man darunter eine <strong>St\u00f6rung der geregelten Bewegungsabl\u00e4ufe des Organismus<\/strong>.\r\n<h2><strong>Wie erkennen wir als Pferdehalter ein ataktisches Tier? <\/strong><\/h2>\r\nDer Begriff \u201eKoordinationsst\u00f6rung\u201c steht bei dieser Fragestellung im Mittelpunkt. Ataktische Pferde zeigen h\u00e4ufig dann Schwierigkeiten, wenn der Bewegungsablauf besondere Anforderungen an die Koordination stellt.\r\n<ul>\r\n \t<li>Sie lassen sich nicht oder nur unter Schwierigkeiten r\u00fcckw\u00e4rtsrichten,<\/li>\r\n \t<li>meiden stark abfallendes Gel\u00e4nde,<\/li>\r\n \t<li>neigen zum Stolpern und St\u00fcrzen, insbesondere bei unebenen Bodenverh\u00e4ltnissen sowie engen Wendungen und<\/li>\r\n \t<li>zeigen h\u00e4ufig schon beim F\u00fchren im Schritt einen auffallend schwankenden, breitbeinigen, wie \u201cbetrunken\u201d wirkenden Gang.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<h2><strong>Allgemeine Entstehungsursache <\/strong><\/h2>\r\nDie auftretenden Koordinationsst\u00f6rungen betreffen vor allem den Bereich der <strong>Hinterhand<\/strong>. Dennoch entstehen Ataxien nicht direkt im Gliedmassenbereich, wie man von der reinen Betrachtung her annehmen k\u00f6nnte. Vielmehr handelt es sich in der Regel um <strong>Sch\u00e4digungen oder anderweitige Beeintr\u00e4chtigungen des Zentralnervensystems (Gehirn und R\u00fcckenmark)<\/strong>. Die durch die Sinnesorgane (Auge, Ohr, Gleichgewichts- und Tastsinn) eingehenden Umwelteinfl\u00fcsse werden fehlerhaft von den Nervenbahnen weitergeleitet. Die Muskulatur des K\u00f6rpers erh\u00e4lt dadurch falsche oder \u201eunsinnige\u201c Befehle, so dass die Bewegungen der Tiere unkoordiniert erscheinen.\r\n<h2><strong>Krankheitsursachen im Einzelnen <\/strong><\/h2>\r\nZun\u00e4chst erw\u00e4hnt seien die <strong>klassischen Ataxie-Erkrankungen<\/strong>. Diese entstehen durch eine dauerhafte Einengung des Wirbelkanals, wodurch das darin befindliche R\u00fcckenmark gequetscht wird. Dieses \u201eWobbler-Syndrom im engeren Sinne\u201c tritt <strong>vor allem bei schnell wachsenden, jungen Pferden<\/strong> (i.d.R. im Alter unter vier Jahren) auf. H\u00e4ufig betroffen sind leichte, bl\u00fctige Pferde. Dabei scheint das schnelle Wachstum Fehlentwicklungen der Halswirbel und ihrer Gelenke sowie degenerative Gelenkserkrankungen zu beg\u00fcnstigen.\r\n\r\n<strong>Pl\u00f6tzliche Symptome einer Ataxie treten h\u00e4ufig im Zusammenhang mit Berichten \u00fcber St\u00fcrze oder \u00e4hnliche Traumen auf.<\/strong> Dadurch hervorgerufene Gewebsschwellungen oder Bluterg\u00fcsse im R\u00fcckenmarksbereich k\u00f6nnen die Nervenbahnen irritieren und die Impuls\u00fcbertragung und -weiterleitung beeintr\u00e4chtigen. Bei fr\u00fchestm\u00f6glichem Einsetzen einer geeigneten Therapie sind diese F\u00e4lle jedoch prognostisch deutlich besser einzusch\u00e4tzen als die oben erw\u00e4hnten klassischen Ataxien.\r\n\r\nAber auch im Zuge von <strong><em>Infektionskrankheiten<\/em><\/strong> k\u00f6nnen Koordinationsst\u00f6rungen auftreten.\r\n<ul>\r\n \t<li>Hierbei zu nennen sei an erster Stelle die <strong>Equine-Herpes-Virus-1<\/strong>-<strong>Infektion<\/strong>. Dieses Virus ist verantwortlich f\u00fcr die einem jeden Pferdehalter bekannte Rhinopneumonitis; der typische \u201eHusten\u201c im Stall. Es kann aber auch Ursache von Hirn- und R\u00fcckenmarksentz\u00fcndungen sein, welche zu teilweise dramatisch verlaufenden, hoch fieberhaften Erkrankungen und Ataxien f\u00fchren.<\/li>\r\n \t<li>Die <strong>Borna\u2019sche<\/strong> <strong>Krankheit<\/strong>; eine viral bedingte Infektionserkrankung, welche in der Regel schnell zum Tode f\u00fchrt.<\/li>\r\n \t<li>Die <strong>Borreliose<\/strong>; eine in der Regel durch Zeckenbisse \u00fcbertragene fiebrige Allgemeininfektion. Im manchem Sommer wurde diese Erkrankung durch zum Teil dramatische Berichte \u00fcber Hirnhauterkrankungen bekannt. Die Prognose ist bei ad\u00e4quater Therapie jedoch als g\u00fcnstig zu beurteilen.<\/li>\r\n \t<li>Bei der <strong>Equinen Protozo\u00e4ren Meningoenzephalitis<\/strong> handelt es sich um eine durch Einzeller ausgel\u00f6ste nichteitrige Entz\u00fcndung des R\u00fcckenmarkes sowie des Hirnstammes. Die Erkrankung zeichnet sich durch Lahmheit, Schw\u00e4che und Ataxie aus; dabei kann es aufgrund der Beteiligung des Hirnstammes auch zu Kreisbewegungen und Depressionen kommen.<\/li>\r\n \t<li>Zuletzt zu nennen sei die <strong>Spinale Nematodiasis<\/strong>. Die Krankheitserscheinungen werden durch Parasiten verursacht, die in das R\u00fcckenmark einwandern. Dabei stehen deren Gr\u00f6\u00dfe und Anzahl sowie die Lokalisation im Zentralnervensystem in direktem Zusammenhang zur Auspr\u00e4gung der Symptomatik.<\/li>\r\n<\/ul>\r\nNeben den bereits genannten Ursachen der Entstehung einer Ataxie gibt es noch weitere, <strong>zum Teil auch ungekl\u00e4rte Krankheitsursachen<\/strong>, auf die hier der K\u00fcrze halber nicht weiter eingegangen werden kann. <strong>\r\n<\/strong><strong>Diagnoseschritte durch den Arzt <\/strong>\r\n\r\nIn einem <strong><em>detaillierten Vorbericht<\/em><\/strong> sollten zun\u00e4chst folgende Punkte gekl\u00e4rt werden:\r\n<ul>\r\n \t<li>Wann wurden erstmals Symptome beobachtet?\r\n\u21d2 Welche Symptome wurden beobachtet?<\/li>\r\n \t<li>Wie war der Verlauf der Erkrankung?<\/li>\r\n \t<li>Gab es vorhergehende traumatische Einfl\u00fcsse (Sturz, \u00dcberschlagen, etc.) bzw. fieberhafte Erkrankungen?<\/li>\r\n \t<li>Wie ist der Impfstatus des Tieres?<\/li>\r\n<\/ul>\r\nEiner kurzen <strong><em>Allgemeinuntersuchung<\/em><\/strong> des Pferdes folgt eine <strong><em>ausf\u00fchrliche neurologische Untersuchung<\/em><\/strong>. Diese dient in erster Linie der Lokalisation der Erkrankung und kann bereits eindeutige Erkenntnisse \u00fcber die Krankheitsursache geben.\r\n\r\nJe nach Verdacht k\u00f6nnen dann <strong><em>weitere Standarduntersuchungen<\/em><\/strong> (Blutuntersuchung, R\u00f6ntgen, etc.) oder auch <strong><em>aufwendige<\/em><\/strong><strong> <em>Spezialuntersuchungen<\/em><\/strong> wie die Entnahme von R\u00fcckenmarksfl\u00fcssigkeit, Szintigraphie, Computertomographie oder die r\u00f6ntgenologische Kontrastdarstellung des Wirbelkanals in Vollnarkose angeschlossen werden.\r\n<h2><strong>Therapie<\/strong><\/h2>\r\nAufgrund der aufgezeigten <strong>vielf\u00e4ltigen Krankheitsursachen<\/strong>, die zur Entstehung einer Ataxie beitragen, kann <strong>keine Standardtherapie<\/strong> vorgeschlagen werden.\r\n\r\nVielmehr muss in jedem konkreten <strong>Einzelfall<\/strong> nach entsprechender Diagnosestellung ein <strong>Therapieplan<\/strong> aufgestellt werden. Die Therapie kann je nach Grundleiden von der Gabe von Entz\u00fcndungshemmern und Entw\u00e4sserungsmitteln v.a. bei traumatischen Erkrankungen \u00fcber die Verabreichung von Antibiotika, Antiparasitika, Immunseren und \u2013stimulantien bei den infekti\u00f6s bedingten Ataxien bis hin zu unterst\u00fctzenden physiotherapeutischen Anwendungen reichen.\r\n\r\nImmer sollte eine Therapie <strong>aber nur dann erfolgen, wenn sie sinnvoll und dem Pferd zumutbar erscheint <\/strong>und wenn sich der Pferdebesitzer bzw. -halter durch eine konkrete tier\u00e4rztliche Aufkl\u00e4rung des Aufwandes (sowohl finanziell als auch zeitlich) und des reell zu erwartenden Heilungserfolges (Chance zu \u00dcberleben, bleibende Folgesch\u00e4den, generelle Nutzbarkeit des Pferdes) voll bewusst ist.\r\n\r\nNur so lassen sich die zum Teil langj\u00e4hrigen, oftmals tragischen Krankheitsgeschichten ataxiekranker Pferde mit all den menschlichen, aber leider oft unrealistischen Hoffnungen und daraus folgenden sp\u00e4teren Entt\u00e4uschungen vermeiden.\r\n<h2><strong>Zusammenfassung <\/strong><\/h2>\r\n<ul>\r\n \t<li>Ataxie ist eine beim Pferd <strong>eher selten<\/strong> anzutreffende Erkrankung.<\/li>\r\n \t<li>Die Erkrankungslokalisation liegt in der Regel im Kopf-Hals-Bereich.<\/li>\r\n \t<li>Ausl\u00f6sende Faktoren k\u00f6nnen sehr <strong>verschiedenartig<\/strong><\/li>\r\n \t<li>Vor Therapiebeginn sollte daher eine <strong>exakte Diagnose<\/strong> gestellt werden.<\/li>\r\n \t<li>Eine Therapie ist nur dann sinnvoll, wenn sie dem Pferd <strong>zumutbar<\/strong> ist und den vom Besitzer erhofften Erfolg <strong>realistisch<\/strong> erm\u00f6glichen kann.<\/li>\r\n \t<li>Die <strong>Prognose<\/strong> ist in den meisten F\u00e4llen eher <strong>vorsichtig bis schlecht<\/strong> zu stellen.<\/li>\r\n \t<li><strong>Bei Verdacht<\/strong> auf Ataxie sollte vor allem bei reiterlicher Nutzung eine <strong>tier\u00e4rztliche Abkl\u00e4rung<\/strong> (Lebensgefahr!)<\/li>\r\n<\/ul>\r\n[\/vc_column_text][\/vc_column][\/vc_row]","type":"rich"}