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Kastration

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Welche Methoden der Kastration gibt es? Wie geht Dr. Kreling vor?

Ein Artikel in der Reiterzeitschrift Cavallo gibt Aufschluss: 90 Prozent aller Hengste kommen früher oder später unters Messer. Die meisten männlichen Tiere werden bereits in den ersten Lebensjahren kastriert, damit sie keinen Nachwuchs mehr zeugen können. Der Mythos, dass ältere Hengste nicht gelegt werden können, ist falsch. „Eine Altersgrenze gibt es nicht“, sagt Professor Christine Aurich, Andrologin an der Veterinärmedizinischen Universität in Wien. „Der Hengst muss natürlich körperlich fit sein und darf keine Herz-Kreislauf-Probleme haben."

Die Kastration eines älteren Hengstes ist riskanter als bei einem Jungtier, da der Leistenbereich, der Hoden und Bauchhöhle verbindet, größer ist. Je weiter der Spalt klafft, desto leichter können Darmschlingen hindurch gleiten. Um einen Darmvorfall zu vermeiden, sollten ältere Hengste nur im Liegen kastriert werden.

Um die Sperma- und Hormonquelle trockenzulegen, gibt es unterschiedliche Methoden: Am bequemsten und günstigsten ist es für den Besitzer, dass der Tierarzt in den Stall kommt und die Hoden am stehenden Pferd entfernt. Dabei bleibt der Hengst bei vollem Bewusstsein. Das Tier wird lediglich ruhig gestellt und die Bauchgegend betäubt. Innerhalb weniger Minuten durchtrennt der Tierarzt die Hautschichten bis der Hoden herausquillt und schlitzt den Scheidenhautfortsatz, eine Aussackung der Bauchhöhle, die den Samenstrang umhüllt, auf. Danach quetscht er den fingerdicken Samenstrang und entfernt die Hoden. Manche Ärzte binden den Samenstrang zusätzlich mit einem Faden ab, der sich später auflöst. Verschlossen wird die Wunde meist nicht, damit Wundsekret und Blut abtropfen können. Viele Ärzte, darunter Dr. Kai Kreling von der Tierklinik Binger Wald in Waldalgesheim bewerten diese Methode als überaltert und gefährlich. Denn ist der Scheidenhautfortsatz aufgeschnitten, können nicht nur Bakterien in die Bauchhöhle gelangen und eine lebensgefährliche Bauchfellentzündung auslösen, sondern es können auch Dünndarmschlingen durch die Öffnung ins Freie flutschen. Zudem ist das Risiko größer, dass sich Entzündungsherde im Samenstrang, sogenannte Fisteln bilden, die nachoperiert werden müssen. „Wir kastrieren Hengste nur in der Klinik“, sagt Kai Kreling. Bereits vor der Operation bekommt das Pferd Antibiotika, um einer Infektion entgegen zu wirken. Danach wird der Hengst narkotisiert und in Rückenlage auf den OP-Tisch gelegt. Bevor Kreling das Messer ansetzt, wird der Bauch im OP Bereich geschoren, desinfiziert und mir sterilen Tüchern abgedeckt. Auch seine OP-Technik ist eine andere als die der Freiluft-Operateure: Als erstes werden die Hoden freigelegt ohne den Scheidenhautfortsatz zu durchtrennen. Stattdessen wird der Samenstrang in der Hülle gequetscht und abgebunden. So bleibt die Bauchhöhle verschlossen und keine Darmschlingen können durch den Leistenkanal hindurch gleiten. Danach näht Kai Kreling die Wunde zu. „Diese Methode ist am sichersten und das Risiko ist geringer, dass sich die Wunde infiziert“, sagt er. Trotzdem kann es während der halbstündigen OP zu Komplikationen kommen. „Manchmal treten starken Blutungen auf“, sagt Kreling. Damit später keine Fäden gezogen werden müssen, kann der Tierarzt die Wunde mit einem Faden verschließen, der sich nach der Heilung auflöst.

Der beste Kastrationszeitpunkt ist im Herbst, weil dann keine Mücken und Fliegen mehr da sind, die die Wunde infizieren können.

Nach der OP wird das Pferd in eine Aufwach-Box transportiert. Wenn das Pferd versucht aufzustehen, zeigt sich, ob die Naht hält. Auch wird der Innendruck durch die Bauchpresse erhöht. Ist der Samenstrangstumpf zu lang, kann Darm in den Stumpf gepresst werden. Daher wird das Pferd während seinen Aufstehversuchen genau beobachtet. Wenige Stunden nach der OP darf der Wallach wieder fressen. „Wir füttern Heu, damit sich der Magen-Darm-Trakt langsam wieder an Nahrung gewöhnt“, sagt Kreling. Drei bis vier Tage bleibt das Pferd nach dem Eingriff noch in der Klinik und bekommt Antibiotika verabreicht. „Schwellt die Wunde an, spritzen wir auch Schmerzmittel und Entzündungshemmer“, sagt Kreling. Zudem kontrollieren die Ärzte regelmäßig, ob das Pferd Fieber hat – ein erstes Infektionszeichen. Im heimischen Stall sollte das Pferd noch weitere drei bis vier Tage in der Box bleiben. Der Besitzer sollte darauf achten, dass das Tier kein oder nur ganz wenig Kraftfutter in den Trog geschüttet bekommt. Um einer Kolik vorzubeugen, kann man auch jeden zweiten Tag Mash füttern. Eine Woche nach der OP darf das Pferd wieder laufen. Täglich zehn bis dreißig Minuten Schritt führen oder reiten sind nicht nur gut für die Psyche, sondern helfen auch, dass sich keine Ödeme bilden oder die Wundränder frühzeitig verkleben. Dagegen helfen auch Warmwasserduschen. „Bei problemloser Wundheilung kann der Reiter nach zwei Wochen wieder leicht mit dem Pferd arbeiten“, sagt Kreling. Mag sich das Tier nicht bewegen und ist die Wunde stark geschwollen, muss der Tierarzt kommen. Auch bei starken Rückenschmerzen oder lahmen Hinterbeinen, sollte man das Pferd erneut untersuchen lassen. Wurde der Samenstrang zu lang gelassen, schmerzt manchen Tieren die Muskulatur. Wurde er zu knapp abgequetscht, kann der Samenstrang mit dem Hodensack verwachsen. Das beeinträchtigt die Hinterbeine.

Achtung: Kastraten sollten frühestens drei Wochen nach der OP mit Stuten zusammengelassen werden, da sie vorher noch fruchtbar sein können.

Kasten: Hengstverhalten trotz Kastration

Manche Wallache benehmen sich in der Herde wie Hengste. Sie decken rossige Stuten und verprügeln mögliche Rivalen. Tierärztin Christine Aurich rät, diese Rowdys untersuchen zu lassen. Möglich, dass der vermeidliche Wallach ein Klopphengst, auch Kryptorchide genannt, ist. Im Prinzip sind diese Pferde halbe Männer. Sie sind nicht vollständig kastriert. Das kann passieren, wenn nur ein Hoden bei der Entwicklung vom Embryo zum Fohlen in den Hodensack wandert und der andere in der Bauchhöhle oder im Leistenkanal stecken bleibt. Manche Tierärzte übersehen den Nachzügler beim Kastrieren. Aufgrund der hohen Körpertemperatur kann dieser Hoden zu einem Tumor ausarten und produziert Geschlechtshormone, die das Pferd aggressiv machen. Klarheit schafft eine Blutprobe, bei der der Testosterongehalt überprüft wird und ein HCG-Stimulationstest, bei dem das Hormon Choriongonadotropin den Hoden anregt, Sexualhormone zu produzieren. Doch nicht nur Hoden produzieren Testosteron: Auch Tumore an der Nebennierenrinde können dafür verantwortlich sein, dass mehr Testosteron im Blut schwimmt. Eine Stimulation mit ACTH, einem adrenocorticotropes Hormon, deckt Geschwüre auf. Ist der Wallach kerngesund und trotzdem bissig, helfen Schwangerschaftshormone, sogenannte Gestagene. Tierärztin Aurich empfiehlt das Präparat Regumate.

Reiter müssen keine Angst haben, dass sich die Mähne eines Hengstes nach der Kastration verdünnisiert. Zwar hat Testosteron einen enormen Einfluss auf Mähne und Schweif, doch Tierärzte schätzen, dass am Haarwuchs noch 30 bis 40 weitere Hormone beteiligt sind.

 
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