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Nasenbremse – eine Folter für das Pferd?

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Die Nasenbremse oder besser Oberlippenbremse wird bei bestimmten Situationen zur Ruhigstellung des Pferdes eingesetzt.

Sie besteht im Allgemeinen aus einem ca. 20-30 cm langem Holzgriff mit einer am Ende befestigten Hanfschlaufe. Diese Schlaufe wird um die Oberlippe des Pferdes gelegt und dann mit mehreren Umdrehungen des Holzgriffes unterschiedlich fest angezogen. Statt der Hanfschlaufe gibt es auch Ketten- und Strickschlaufen. Mittlerweile sind verschiedene Variationen von Nasenbremsen und Nasenklammern aus Holz und Metall im Gebrauch. Die Nasenbremse galt und gilt bei vielen auch heute noch als ein unliebsames Zwangsmittel zur Ruhigstellung von Pferden für kurze Verrichtungen zum Beispiel beim Tierarzt, Hufschmied oder beim Scheren des Pferdes. Für viele Pferdebesitzer ist es ein unschöner Anblick und mit starkem Schmerz für das Pferd verbunden. Auch in der älteren Literatur wird der Einsatz der Nasenbremse mit Schmerzen in Verbindung gebracht. Im Hippologischen Lexikon von Graf von Norman Sen. 1939 wird die Bremse als ein „recht unhumanes Marterinstrument“ bezeichnet und wie folgt beschrieben: „ein um die Oberlippe mittels eines Knebels gedrehter Strick, der durch die Schmerzwirkung das Pferd zum Stillstehen, besonders beim Beschlag, zwingt“. Im großen Reiter- und Pferdelexikon von Jasper Nissen von 1976 wird die Bremse als ein Zwangsmittel beschrieben, wodurch dem Pferd Schmerz zugefügt wird, der seine Aufmerksamkeit ablenkt. Im Wörterbuch der Veterinärmedizin von 1983 wird auf eine eventuelle Schmerzkomponente beim Einsatz der Bremse nicht eingegangen. Nach neueren Erkenntnissen kommt es beim Einsatz der Nasenbremse durch Reizung bestimmter Strukturen zur Ausschüttung von sogenannten Endorphinen. Endorphine gehören zur Gruppe der Opioide. Sie sind starke Analgetika. Unter Analgetika werden Stoffe verstanden, die die Schmerzempfindung unterdrücken. Durch Reizung bestimmter Gehirnabschnitte werden diese Endorphine verstärkt in die Blutbahn abgegeben und bewirken eine kurzfristige Analgesie (Schmerzlosigkeit). Sie sind praktisch ein vom Körper selbst hergestelltes Morphium. Von Opioiden glaubt man, dass sie die Schmerztoleranz bei Pferden heraufsetzen. Auch bei der Akupunktur werden Endorphine freigesetzt. Es ist anzunehmen, dass durch die Nasenbremse auch ein solcher Akupunkturpunkt gereizt wird. Die Reizung von Akupunkturpunkten wird auch am Ohr und bei der Halsfalte diskutiert. Das Drehen des Ohres ist erfahrungsgemäß nicht zu empfehlen, da die Schmerzausschaltung hier meist nur unbefriedigend funktioniert. Daraus resultiert, dass viele Pferde nach solch einer Maßnahme Kopfscheu werden, was sicherlich nicht Sinn der Sache sein kann. Das Fassen einer Halsfalte funktioniert oft sehr gut, ist in der Wirksamkeit sicherlich der Nasenbremse nachgeordnet. Die Nasenbremse ist nach wie vor ein recht einfaches, aber sehr effektives Zwangsmittel um Pferde für kurze Eingriffe in verschiedenen Bereichen ruhigzustellen. Sie sollte nicht länger als 15-20 Minuten eingesetzt werden. Gerade bei den immer häufiger eingesetzten Metallklemmen besteht die Gefahr einer zu starken Quetschung und damit Schädigung des Gewebes. Es sollte immer darauf geachtet werden, dass die Bremse nicht zu hoch sitzt und damit zu einem teilweisen oder vollkommenen Verschluss der Nüstern führt. Die Bremse sollte nur in notwendigen Fällen und auch nur dosiert zum Einsatz kommen. Als notwendig ist sie dann anzusehen, wenn durch ihren Einsatz das Verletzungsrisiko für den Untersucher bzw. die Behandlung des Pferdes durchführende Person, die das Pferd festhaltende Person und nicht zuletzt für das Pferd minimiert werden kann. Viele Pferdebesitzer scheuen den Einsatz der Bremse als ein für das Pferd unzumutbare Maßnahme. Sie vergessen dabei jedoch, dass auch das Pferd indirekt vor Verletzungen durch zu starke Abwehrbewegungen geschützt wird. In wenigen Fällen kann es bei zu starkem Anziehen der Bremse zu Abwehrbewegungen kommen. Für „alte Pferdehasen“ ist dies jedoch leicht zu erkennen und nach Lockerung der Bremse beruhigen sich die Pferde in der Regel auch wieder. Es gibt sicherlich auch Pferde, bei denen der Einsatz der Bremse nicht zu einer gewünschten Ruhigstellung führt. Der Einsatz einer Bremse sollte also nicht pauschal befürwortet werden. In manchen Fällen ist der Einsatz von Beruhigungsmitteln vorzuziehen, bevor das Pferd sich unnötig aufregt und die Behandlung letztendlich nicht durchgeführt werden kann. Aus eigener Erfahrung empfehle ich eine Nasenbremse mit einer dicken Hanfschlaufe und einem ca. 80 cm langem Griff. Der lange Griff ermöglicht der festhaltenden Person sich weit seitlich an das Pferd zu stellen. Selbst wenn das Pferd nach vorne schlägt oder springt, ist die Gefahr für den Festhaltenden sehr gering. Bei Bremsen mit kurzem Griff ist diese Verletzungsgefahr meiner Meinung nach zu hoch. Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Nasenbremse in der Hand des Fachmannes ein vertretbares Zwangsmittel für Pferde ist und viele Kurzeingriffe hierdurch sicherer und leichter durchgeführt werden können. Der Eindruck, den manche bekommen, das Pferd würde mit der Bremse gefoltert, ist sicherlich nicht richtig. Es soll keine Rechtfertigung für den routinemäßigen kritiklosen Einsatz von Nasenbremse sein. Die Bremse als Hilfsmittel in der Hand eines erfahrenen Pferdekenners ist eine für alle Beteiligten, das Pferd eingeschlossen, sinnvolle und einfache Methode zur Verringerung des Verletzungsrisikos.
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